Genf und Vernier, La Concorde: Innenentwicklung in einem bestehenden Quartier

In einem Dreieck zwischen zwei grossen Verkehrsachsen und einer Bahnlinie liegt La Concorde auf dem Gebiet zweier Gemeinden. Das ehemalige Arbeiterquartier soll schrittweise verdichtet und langfristig zu einem Ökoquartier weiterentwickelt werden. Statt 4’000 Personen werden hier dereinst 6’000 leben. Damit ist ein starker Wandel im Gange, an dem die Bevölkerung seit über zehn Jahren intensiv beteiligt ist. Ein Augenschein.
Alain Beuret Architekt EPFL, Raumplaner, EspaceSuisse

Der Bus hält an der Haltestelle «Concorde». Ich steige aus und bin froh, die Avenue d’Aïre – eine vierspurige Stadtautobahn – hinter mir zu lassen, um in eine ruhigere Gegend einzutauchen. Rasch gelangt man von den neunstöckigen Gebäuden zu einer Einfamilienhaussiedlung. Hier, in der geschützten Gartenstadt Aïre, trifft man nicht nur auf Gärten, sondern auch auf verkehrsberuhigte Begegnungszonen.

Etwas weiter erreiche ich den Treffpunkt für meine Verabredung: ein wunderbares, renoviertes Herrenhaus mit einem öffentlich zugänglichen Vorplatz. Vielleicht das Quartierzentrum? Das Gebäude formt zusammen mit den letzten Häusern der Gartenstadt gegenüber eine Art Platz. Dort prangt ein altes Metzgereischild an der Fassade. Diese Häuser haben eher dörflichen Charakter. Bin ich wirklich noch in Genf oder schon auf dem Land?

Quartierzentrum am Entstehen

Die Metzgerei ist bereits seit vielen Jahren nicht mehr in Betrieb. Nur das Schild ist noch da. Und was das schöne Herrenhaus angeht: «Es ist nicht das Quartierzentrum, sondern das Bestattungsamt», erklärt Daniel Dind vom Quartierverein «Association des habitants du quartier de la Concorde» (AHQC). Die Stadt Genf hat es gekauft und renoviert. Das Quartierzentrum wiederum befindet sich erst im Bau. 2021 wird es auf der gegenüberliegenden Seite der Avenue Henri-Golay in einem ehemaligen Bauernhof eröffnet werden. «Wir warten schon so lange auf dieses Quartierzentrum!», sagt Daniel Dind und freut sich sichtlich auf diesen lang ersehnten Begegnungsort.

Quartierrichtplan des Quartierentwicklungsprojekts Concorde mit den verschiedenen Baufeldern. Quelle: Stadt Genf und Gemeinde Vernier.

Ein Quartier wird aktiv

Die Avenue Henri-Golay ist die Hauptachse des Quartiers und damit auch die Grenze zwischen den Gemeinden Vernier und Genf. Entlang der Strasse mit Tempo 30 stehen seit kurzem zwei fünfstöckige Neubauten. Durchquert man deren Grünanlagen zu Fuss, gelangt man zum «chemin des poules», wie ihn die Quartierbewohnerinnen und -bewohner nennen: ein Strässchen, das die Gartenstadt Aïre mit den Neubauten verbindet.

Im Erdgeschoss der neuen Gebäude haben sich Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe einquartiert, die bisher gefehlt hatten. Ein Tea Room zum Beispiel – das erste Café im Quartier, wo heute 4’000 Menschen leben. Bis 2025 dürften es 6’000 sein. Mit dem Ersatz überalterter, dreistöckiger Wohnblöcke durch moderne Bauten setzt die öffentlich-rechtliche Immobilienstiftung Emile Dupont – die grösste Grundbesitzerin im Quartier – einen laufenden städtebaulichen Erneuerungsprozess um. Die Bewohnerinnen und Bewohner, die im Quartier bleiben wollten, waren nach dem Abriss ihrer Häuser während der ganzen Bauzeit in der unmittelbaren Nachbarschaft untergebracht. So leben heute sowohl ursprüngliche wie auch neue Bewohnerinnen und Bewohnern in den Neubauten.

Ein umfassender Wandel in Etappen

Das Spezielle an diesem grossen Innenentwicklungsprojekt: Es wird etappenweise in einem bereits bebauten und bewohnten Quartier durchgeführt. Alle betroffenen Akteure – Kanton und Gemeinden – haben gemeinsam ein Leitbild und danach einen Quartierrichtplan erarbeitet, um diese schrittweise Erneuerung zu steuern. Nach dem Ja zum Quartierrichtplan durch die Bevölkerung 2013 wurde für jedes Baufeld ein eigener Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Dank des Quartierrichtplans war auch kein Quartierplan mehr notwendig: Baubewilligung und Realisierung folgen jeweils direkt aufeinander.

Der vorletzte Wettbewerb wurde im vergangenen Sommer abgeschlossen: Demnächst entsteht am Chemin du Croissant ein Gebäude mit 35 Wohnungen. Heute stehen dort Einfamilienhäuser. Den Abschluss macht das Gebiet T an der Südspitze des Quartiers (vgl. Quartierrichtplan): Bei diesem sehr umfangreichen Projekt ersetzen 170 neue Wohnungen und 9’000 m2 Gewerbefläche die vorhandenen Einfamilienhäuser und kleinen Wohnblöcke. Im Norden, wo sich heute ein Kreisel befindet, wird ein öffentlicher Raum geschaffen: Er soll das Baufeld T mit dem neuen Quartierzentrum verbinden. 

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Die Bushaltestelle «Concorde» an der breiten Avenue d’Aïre. Fotos: A. Beuret, EspaceSuisse

Ein langjähriger partizipativer Prozess

Der Quartierrichtplan ist das Ergebnis eines intensiven Prozesses, an dem sich die Quartierbevölkerung seit über zehn Jahren beteiligt. Die Idee dazu stammt von Michèle Künzler, einer Bewohnerin. 2007 hatte sie im Genfer Stadtparlament eine Motion eingereicht: Sie verlangte, dass innovative Vorhaben für den Bau von umweltfreundlichen Wohnungen mithilfe eines Mitwirkungsprozesses auf Quartierebene gefördert werden. Ein Jahr später nahmen über 200 Bewohnerinnen und Bewohner und die Hauptakteure an einer Veranstaltung zur Entwicklung und Umgestaltung des Quartiers teil.

Im Anschluss an diese Diskussion entstand die Arbeitsgruppe «écoquartier». Die rund 40 Mitglieder aus dem Quartier begleiteten die Ausarbeitung des Quartierrichtplans aktiv – und nun wirken sie auch bei dessen Umsetzung mit, zum Beispiel in den Bereichen Biodiversität, Wohnen, Mobilität, Integration der Jugendlichen und funktionale Durchmischung. Der Bund hat im Rahmen des Programms «Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung» den gesamten Prozess zwischen 2007 und 2011 unterstützt.

Ein Forum für die Mitwirkung der Bevölkerung

2006 gründeten Quartierbewohnerinnen und -bewohner das Forum «Démocratie participative» oder kurz Forum 1203. Das Ziel: das Quartierleben mitgestalten und die Partizipation fördern. 1203 ist nicht irgendeine Zahl, sondern die Postleitzahl des weitläufigen Quartiers Saint-Jean. Es erstreckt sich vom Westen des Genfer Bahnhofs Cornavin bis zum Quartier Saint-Jean. Es war das Forum 1203, das mit der Diskussionsveranstaltung den Mitwirkungsprozess Concorde initiiert hatte.

Heute ist Jonathan Lupianez Koordinator und treibende Kraft des Forums 1203. Sein wichtigstes Dossier ist das Quartier Concorde. In den Workshops, die gegenwärtig stattfinden, wird festgelegt, welche öffentlichen Räume als Nächstes neu gestaltet werden. Dazu gehört auch das Areal in der Nähe des Quartierzentrums. Die Gemeinden, der Kanton und verschiedene Institutionen unterstützen das Forum 1203 und den Quartierverein AHQC finanziell. Ohne diese Finanzierung könnten sie ihre Aufgaben nicht wahrnehmen.

Das Forum publiziert zum Beispiel regelmässig ein Infoblatt: Es informiert über die Fortschritte auf den verschiedenen Baustellen und über das Quartierleben. Auf seiner umfangreichen Website finden sich ebenfalls zahlreiche Informationen zu den Bauvorhaben und zur Mitwirkung der Bevölkerung. In verschiedenen, vom Forum organisierten Workshops konnten die Einwohnerinnen und Einwohner ihre Anliegen und Forderungen für die verschiedenen Baufelder anbringen, bevor die Architekturwettbewerbe durchgeführt wurden. Auf seinen Wunsch hin konnte ein Quartierbewohner auch in der Wettbewerbsjury für das Baufeld F Einsitz nehmen. Ein anderer wird in der Jury des Baufelds T mitwirken.

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Den Bewohnerinnen und Bewohnern stehen Mini-Stadtgärten zur Verfügung. Ein Profigärtner kommt regelmässig vorbei und gibt Tipps.

Mini-Stadtgärten mit Gärtner

Besonders stolz sind Daniel Dind und Jonathan Lupianez auf die Mini-Stadtgärten, die der Quartierbevölkerung heute zur Verfügung stehen. Dieses Angebot wird sehr geschätzt und trägt zur Belebung und Stärkung der Gemeinschaft im Quartier bei. Regelmässig kommt ein Gärtner vorbei und gibt wertvolle Tipps. Im kommenden Jahr wird seine Stelle gar von 25 auf 50 Prozent aufgestockt, damit er den Bedarf besser abdecken kann. Diese erste neue Einrichtung war wichtig: Sie zeigte der Bevölkerung, dass sich ihr Quartier tatsächlich tiefgreifend verändern wird, und gab ihr die Möglichkeit, sich dabei einen Teil des öffentlichen Raums anzueignen.

Viele parallele Baustellen

Neben den Bauten an der Avenue Henri-Golay wurden vor Kurzem eine neue Schule und ein neues Wohngebäude auf dem Gebiet der Gemeinde Vernier fertiggestellt. Im Quartier befinden sich drei weitere Gebäude im Bau, und einige mehr werden in den kommenden Jahren noch entstehen. Es ist nicht immer einfach, einen Weg an diesen zahlreichen Baustellen vorbei zu finden.

Concorde ist ein noch relativ monofunktionales Quartier, das im Wesentlichen aus preisgünstigen Wohnungen für einkommensschwächere Bevölkerungsschichten besteht. Die Neubauten mit gemeinnützigen Wohnungen und Eigentumswohnungen sollen für eine bessere soziale Durchmischung sorgen.

Im Quartier sind verschiedene Häuser im Bau. Es ist nicht immer einfach, einen Weg an den verschiedenen Baustellen vorbei zu finden.

Viel Lärm von der Strasse

Trotz der Reduktion auf Tempo 30 ist das Auto im Quartier noch sehr präsent. Gewisse Bewohnerinnen und Bewohner wünschen sich deshalb eine raschere Umgestaltung der öffentlichen Räume. Eine Petition fordert, dass die Rue Camille-Martin für den Verkehr gesperrt wird. Da sie sich in der Begegnungszone mit Tempo 20 befindet und an einer Schule vorbeiführt, könnte eine Sperrung die Sicherheit verbessern.

Im Westen des Quartiers wiederum sorgt der Strassenlärm bei einem Teil der Bevölkerung für Unzufriedenheit: Auf der vierspurigen Avenue de l’Ain entlang des Quartiers gilt Tempo 60. Versuche mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf 50 km/h überzeugten die Verantwortlichen beim Kanton nicht. Denn die Strasse sorgt wesentlich für einen flüssigen Verkehr auf dem mittleren Verkehrsring der Stadt Genf. Deshalb wird auch weiterhin Tempo 60 gelten – zum grossen Leidwesen der Anwohnerinnen und Anwohner, die seit Jahren für die Einhaltung der Lärmschutzanforderungen des Bundes kämpfen.

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Vor der Neugestaltung: die Avenue Henri-Golay vor fünf Jahren. Diese Strasse bildet die Grenze zwischen den beiden Gemeinden Vernier und Genf. Auf ihr wurde Tempo 30 eingeführt.
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Nach der Neugestaltung: Die öffentlich-rechtliche Immobilienstiftung Emile Dupont hat die dreistöckigen, älteren Wohnblöcke durch fünfstöckige Neubauten (rechts) ersetzt.

Mobilität – die grosse Herausforderung

Die Probleme des Quartiers lassen sich sicherlich teilweise mit der Realisierung weiterer Projekte lösen: des neuen Bahnhofs Vernier-Châtelaine, zusammen mit einem Kulturzentrum im Nordwesten des Quartiers sowie des «Grünen Wegs». Dieser vor allem für Velos bestimmte Weg soll langfristig quer durch die gesamte Agglomeration Genf von Osten nach Westen führen. Heute endet er kurz vor dem Quartier Concorde. Das ist aber im Moment noch Zukunftsmusik. Bis jetzt hatte der Bau der Bahnverbindung von Cornavin nach Annemasse Vorrang, die dieser Tage in Betrieb genommen wird.

Der «Grüne Weg» und der neue Bahnhof dürften erst in rund zehn Jahren fertig sein. Bis dahin müssen pragmatische Lösungen für eine weitere Verkehrsberuhigung gefunden werden. Die Frage der Belastung durch die verkehrsreiche Avenue de l’Ain bleibt aber ungelöst, solange der radikale Einschnitt im Herzen dieser Agglomeration Tatsache ist. Derzeit gelangt man nur durch eine Unterführung auf die andere Strassenseite. Im Quartierrichtplan ist längerfristig eine breite Passerelle geplant, doch deren Realisierung liegt noch in weiter Ferne.

Erkenntnisse aus dem Projekt

Die grundlegende Transformation von La Concorde ist in vollem Gange. Man darf sich auf ein verdichtetes und nachhaltigeres Quartier freuen. Allerdings braucht es noch etwas Geduld, bis der Wandel vollzogen ist. Das gilt vor allem für die Verkehrsverbindungen nach aussen. Aber vielleicht hat gerade diese relative Abschottung des Quartiers zur Entwicklung einer starken Identität und zur aktiven Mitwirkung der Bevölkerung im Umwandlungsprozess beigetragen.

Die etappenweise Verdichtung des Quartiers anhand einer Gesamtvision zeigt, dass die Innenentwicklung nicht auf Brachen oder Stadtzentren beschränkt ist. Auch in den Aussenquartieren der Agglomerationen können wichtige strategische Entwicklungen stattfinden. Eine gute Planung, die gemeinsam mit der Bevölkerung erarbeitet wird, scheint der Schlüssel zum Erfolg zu sein.

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Die Quartierbevölkerung möchte ein Fahrverbot für diese Strasse, die an der Schule «Les Ouches» vorbeiführt.
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Die vor Kurzem fertiggestellte neue Schule und das neue Wohngebäude (links) gesellen sich zu den älteren Bauten (rechts) und tragen zur sozialen Durchmischung bei.

Im Interview mit Antonio Hodgers

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Antonio Hodgers (Grüne) ist seit November 2013 Staatsrat des Kantons Genf. Er leitet das Département du Territoire und präsidiert den Genfer Staatsrat.

Weshalb hat der Kanton Genf die Innenentwicklung des Quartiers Concorde zu einem prioritären Vorhaben gemacht?

Das Quartier wurde vor über 15 Jahren als Perimeter für eine städtebauliche Erneuerung mit vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten bezeichnet. Eigentlich waren es die Arbeiten auf Agglomerationsebene, die das Potenzial dieses Gebietes sichtbar machten. Hier befinden sich wichtige Verkehrsachsen. Langfristig sollen eine S-Bahn-Haltestelle in Châtelaine errichtet und der «Grüne Weg» angelegt werden. Vorteilhaft sind auch die Grundeigentumsverhältnisse: Die betroffenen Siedlungen befinden sich hauptsächlich in öffentlicher Hand. Die öffentlich-rechtliche Stiftung Emile Dupont kann so ihren Gebäudepark erneuern. Gleichzeitig werden bestimmte Einfamilienhausquartiere verdichtet. Es ergab sich daher von selbst, dass das Quartier Priorität erhielt – mit seiner Identität, die sich sehr stark von derjenigen der übrigen Projekte für neue Quartiere abhebt.

Der Einbezug der Bewohnerinnen und Bewohner ist im laufenden Prozess zentral. Weshalb ist das so wichtig?

Ganz einfach, weil es sich um ein bestehendes Quartier handelt! Die Bewohnerinnen und Bewohner wissen am besten, wie sie ihre öffentlichen Räume nutzen, wo sich die Durchgänge und Treffpunkte befinden, aber auch, an welchen Orten sich niemand mehr aufhält. Es wäre ein Fehler, Überlegungen zur Entwicklung dieses Quartiers anzustellen, ohne die Bevölkerung mit einzubeziehen. Im Übrigen wurde das Projekt La Concorde als neues «Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung» des Bundes ausgewählt. Es setzte auf die Zusammenarbeit zwischen kantonalen Institutionen und den zuständigen Personen für die betroffenen Stadtteile in Genf und Vernier. Im Zentrum standen die Erarbeitung eines Quartierrichtplans und die Entwicklung von Planungsvorhaben unter Einbezug der Bevölkerung. Dank der Errichtung von «mini-chantiers», also «Kleinbaustellen», konnte die Bevölkerung nachhaltig zur Mitwirkung in diesem langjährigen und komplexen Prozess motiviert werden. 

«Die Stadtplanung soll mit den Bewohnerinnen und Bewohnern und für sie erfolgen»
Antonio Hodgers, Staatsrat des Kantons Genf

Sie haben sich verschiedentlich offen gezeigt für Anliegen der Bewohnerinnen und Bewohner. Welche Beziehung haben Sie zu diesem Quartier?

Ich habe keine persönliche Beziehung zu diesem Quartier. Aber ich bin der Auffassung, dass die Stadtplanung mit den Bewohnerinnen und Bewohnern und für sie erfolgen soll. Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger und Vereine hat mich deshalb sofort überzeugt. Der Dialog geht dem Projekt voraus. Dank des Dialogs und der «mini-chantiers», die ich vorher erwähnt habe, war es möglich, stets mit Vorschlägen zu arbeiten und die Konfrontation zu vermeiden.

Im Quartier ist das Auto heute noch stark präsent. Mit dem Bau des Bahnhofs Vernier-Châtelaine und dem «Grünen Weg» dürfte sich das künftig ändern. Deren Realisierung liegt aber noch in weiter Ferne. Was kann in der Zwischenzeit getan werden?

Das Département du Territoire fördert generell autofreies oder autoarmes Wohnen. Im Perimeter Concorde ist ein Gemeinschaftsparkplatz geplant. Damit soll auch der motorisierte Individualverkehr reduziert werden. Die Erschliessung über ein sogenanntes Kammersystem soll dazu beitragen, den Transitverkehr einzudämmen. Um das Verhalten der Einzelnen zu verändern, muss man den Alltag der Bürgerinnen und Bürger erleichtern – durch eine leistungsfähige ÖV-Erschliessung und ein effizientes Netz für den Langsamverkehr. In der Zwischenzeit wurde am quartierinternen Netz für den Langsamverkehr gearbeitet: Statt isolierter öffentlicher Räume ohne gegenseitige Verbindung will man mehr Durchlässigkeit. Ich denke vor allem an das temporäre Projekt zur Umgestaltung der Bahnunterführung, welche die Quartiere Concorde und Les Libellules verbindet. Diese benachbarten Quartiere werden von einer Strasse durchschnitten. Die Unterführung bildet heute die urbane Verbindung zwischen den beiden Quartieren, und ihre Benutzerfreundlichkeit wurde überaus wichtig. Im definitiven Projekt – einer Massnahme des Agglomerationsprogramms – soll diese Unterführung erweitert werden. Ausserdem sollen an ihren beiden Enden neue öffentliche Räume gestaltet werden.

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Der laufende Prozess im Quartier Concorde ist lang und komplex. Dank «mini-chantier» (hier die «Mail des Comestibles», eine Art Promenade mit Kräuter- und Duftpflanzen) bleibt die Motivation der Bevölkerung erhalten.

Einige Einfamilienhäuser im Quartier werden bald abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Wie überzeugt man die Eigentümerschaften?

Der Kanton achtet darauf, dass die Hausbesitzerinnen und -besitzer während der gesamten Dauer eines Projekts informiert werden. Häufig werden die Fragen nach dem Prozess hin zur Bebauung und nach dem Wert einer Immobilie gestellt. Das Departement organisiert im Rahmen des Mitwirkungsprozesses öffentliche Informationsveranstaltungen, Fachsitzungen und Workshops, damit sich alle mit dem Vorgehen vertraut machen können und Antworten auf ihre berechtigten Fragen erhalten. Für die Eigentümerschaften gibt es zahlreiche Optionen. Sie können als Kompensation für die Häuser Wohnungen erlangen oder zusammen mit anderen Hausbesitzerinnen und -besitzern eigene Bauvorhaben realisieren. Dabei können sie auf die Hilfe von Fachleuten oder einer Wohnbaugenossenschaft zählen. Anders als viele denken, führt die Entwicklung eines Gebietes nicht zu einer Wertminderung für die Eigentümerschaften. Im Gegenteil: Ihre Immobilien werden zum angemessenen Preis bewertet. Eine Informationsbroschüre des Departementes erklärt den betroffenen Einfamilienhausbesitzerinnen und -besitzern, welche Rechte sie haben. Es ist immer schwierig, in Quartieren mit einem hohen Einfamilienhausanteil zu arbeiten, da man die Privatsphäre der Bewohnerinnen und Bewohner tangiert. Man muss sie während des gesamten Prozesses begleiten, und dieser kann Jahre dauern.

Kann diese Lösung auch an anderen Orten angewendet werden?

Da Mitwirkungsprozesse heute die Norm sind, ist der Kanton bei jedem Projekt präsent und begleitet es eng. Die Umsetzung hängt aber vom sozialen Gefüge, von der Verkaufsbereitschaft der Grundeigentümerschaften und von den anwesenden Akteuren ab. Keine urbane Lösung ist deshalb per se auf einen anderen Ort übertragbar. 

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Der Erneuerungsprozess im Quartier La Concorde ist im Gange: Die alten Häuser werden durch verdichtete Neubauten ersetzt.
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Bis 2030 soll unter der Pont de l’Ecu eine neue S-Bahn-Station und rechts davon ein Kulturzentrum mit zwei Konzertsälen, einem Hotel und 350 Studentenwohnungen entstehen.

Der Quartierrichtplan Concorde erstreckt sich auf das Gebiet der beiden Gemeinden Genf und Vernier. Wie wurde der Plan konkret ausgearbeitet?

Der Quartierrichtplan ist ein Planungsinstrument, das für die kommunalen und die kantonalen Behörden verbindlich ist. Dass zwei Gemeinden betroffen sind, verursachte keine besonderen Probleme. Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinden wirkten in der Steuerungsgruppe mit, die gemeinsam mit dem Kanton die Projektleitlinien festlegte. Im Übrigen waren sich die Gemeinden und der Kanton einig über die Bedeutung der Verdichtung, Erneuerung und Aufwertung der Wohnungen und öffentlichen Räume. Das hat die gemeinsame Arbeit erleichtert.

Welches ist Ihrer Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg dieses Projekts?

Da das Projekt noch nicht abgeschlossen ist, wäre es vermessen, bereits von Erfolg zu sprechen. Nur die Bewohnerinnen und Bewohner können dies beurteilen. Ich bin aber nach wie vor überzeugt davon, dass die Qualität eines Quartiers viel mit den öffentlichen Räumen und Einrichtungen zu tun hat. Und in der Concorde wollen wir noch mehr Grünräume umgestalten beziehungsweise schaffen sowie zwei neue öffentliche Plätze bauen.

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Ein wirksames Langsamverkehrsnetz soll den Alltag erleichtern. Hier der Fussgängerweg «Chemin des Poules» zwischen den neuen Gebäuden der Avenue Henri-Golay und der Gartenstadt Aïre.
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Heute werden die Quartiere Concorde und Les Libellules noch von der Avenue de l’Ain durchschnitten. Mit der Umgestaltung der Unterführung und in fernerer Zukunft dem Bau einer Passerelle dürfte es einfacher werden, diese Barriere zu überwinden.

Was würden Sie einer Gemeinde oder Stadt empfehlen, die in einem vergleichbaren Umfeld andernorts in der Schweiz ein Innenentwicklungsvorhaben in die Wege leiten muss?

In einem bereits bewohnten Gebiet ist die Etappe für die Diagnose beziehungsweise Analyse wesentlich. Für das Projekt sind ausgezeichnete Kenntnisse der sozialen, wirtschaftlichen und urbanen Realitäten sehr wichtig. Zentral ist auch das vernetzte Arbeiten mit den Einwohner-, Nutzer-, Gewerbe- und Quartiervereinen. Und natürlich auch mit den Gemeindebehörden. Wie in jedem Planungsvorhaben braucht es Geduld, um die Entwicklung sinnvoll zu gestalten. Schliesslich muss man erklären, was man mit dem Projekt beabsichtigt, welche Ziele verfolgt werden, damit die Stadtentwicklung nicht nur ein Verfahren bleibt, sondern zu einem Kulturobjekt wird.

Interview: Alain Beuret, EspaceSuisse

In einem bestehenden Quartier ist der Einbezug der Bewohnerinnen und Bewohner wichtig. Sie wissen am besten, wie sie ihre öffentlichen Räume nutzen. Hier der neue Platz vor der neuen Schule Emilie-de-Morsier.

Inforaum 4/2019: z.B. La Concorde, Vernier GE

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