Luzern, Zwischennutzung im alten Hallenbad Biregg

Im Hallenbad Biregg in Luzern schwimmt heute niemand mehr. Doch es zieht unter dem Namen «Neubad» wieder Menschen an. Ein Verein betreibt im ehemaligen Hallenbad eine kultur- und kreativwirtschaftliche Zwischennutzung. Das «Neubad» ist ein vielseitiger, offener Raum, der floriert. Mit seiner grossen Aussenwirkung und einem Umsatz von mehr als zwei Millionen Franken jährlich widerlegt das «Neubad» das verbreitete Klischee, dass Zwischennutzungen eine Hinterhofstimmung anhaftet. Die gelungene Nutzung geht auf eine Initiative der Stadt Luzern zurück.

Eckdaten der Zwischennutzung Neubad in Luzern

  • Adresse: Bireggstrasse 36, 6003 Luzern.
  • Eigentümerin: Stadt Luzern - Neugarten: SBB/Zentralbahn.
  • Verwaltung: Verein «Netzwerk Neubad».
  • Lage: zentral, 1 km vom Bahnhof entfernt, Karte
  • Arealfläche: 2‘623 m2 (plus 565 m2 Neugarten).
  • Nutzfläche: 2‘200 m2 (ohne Garten).
  • Struktur: Vielfältig, kleinste Räume von wenigen m2 Grösse bis hin zur 600m2 grossen Schwimmhalle, diverse grosse gegliederte offene Raumstrukturen.
  • Nutzung ehemals: Hallenbad.
  • Zwischennutzungen: Veranstaltungen, Kunstgalerie, Co-Work und Ateliers, Gastronomie inkl. Catering.
  • Dauer: 2012 – 2019 (verlängert bis 2023, resp. bis 2025 möglich).
  • Transformation: Abriss zugunsten des gemeinnützigen Wohnungsbaus.
  • Besonderes: Wichtiger Quartiertreffpunkt, Schwimmhalle als Veranstaltungsort.
  • Entstehung der Zwischennutzung: Ausschreibung durch Stadt Luzern.

Der Start: Ausschreibung durch die Stadt

Die Stadt Luzern weihte im Sommer 2012 auf der Allmend ein neues Hallenbad ein. Sie wollte aber verhindern, dass das alte, 1969 erstellte Hallenbad Biregg ungenutzt blieb. Deshalb hatte die Stadt schon Monate vor der Eröffnung des neuen Hallenbads eine Ausschreibung für eine Zwischennutzung des alten Hallenbads Biregg lanciert. Sie wollte damit «ein Zeichen zugunsten kreativer Kräfte setzen». Die Initiative kam von den Behörden, denn der Stadtrat hatte etwas früher schon «Leitsätze Zwischennutzungen» beschlossen.

Luzern, altes Hallenbad Biregg aus der Vogelperspektive
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Den grossen ausgedienten Gebäudekomplex des Hallenbads Biregg hat die Stadt Luzern 2012 zur Zwischennutzung ausgeschrieben.
Foto: mign/Neubad
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Heute empfängt die «Neubad» genannte Zwischennutzung das Publikum schon auf dem Vorplatz mit einer freundlichen Bewirtschaftung.
Foto: mign/Neubad

Das Hallenbad Biregg ist ein markantes Gebäude an zentraler Lage mit über 2‘000 m2 Nutzfläche und unkonventionellen Raumstrukturen. Dieses galt es neu mit Zwischennutzungen zu bespielen. Gegen nicht allzu grosse Konkurrenz erhielt im Herbst 2012 das Konzept «Neubad» des Vereins «Netzwerk Neubad» den Zuschlag. In dem Netzwerk hatten sich über hundert lokale und regionale Organisationen vereinigt, darunter namhafte Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Sozialem. Der Verein schlug drei Kernnutzungen vor:

  • Entwerfen, entwickeln, Ideen verwirklichen: Arbeitsplätze für Kreative
  • Nach aussen strahlen, offen sein: Veranstaltungen
  • Essen, trinken, Ideen austauschen: Gastronomie

Auf Gebrauchsleihbasis kam ein Vertrag mit einer Laufzeit von mindestens vier Jahren zustande. Vertragspartner der Stadt und zugleich Trägerschaft wurde der Verein Netzwerk Neubad.

Offenes Haus der Vielfalt

Das Neubad startete im September 2013 seine Aktivitäten mit einer einwöchigen Eröffnungsfeier. Vorausgegangen waren mehrere Monate ehrenamtlicher Vorbereitung, in denen Mittel für Investitionen beschafft und Prozesse für Bewilligungen zu durchlaufen waren.

Heute ist das Neubad ein offenes Haus für Inspiration, Inkubation und Innovation. Die wichtigsten Raumeinheiten und Nutzungen sind: -

  • Der Eingangsbereich mit Bar und Bistro, das auf regionale Produkte setzt und einen hauseigenen Cateringservice betreibt.
  • Der umgewandelte Garderobenbereich mit offenen Arbeitsplätzen von 25 lokalen Institutionen, die nebeneinander und miteinander arbeiten.
  • Die kleine Schwimmhalle beherbergt nun fast 30 Co-Working-Plätze und einen perfekt ausgestatteten Seminarraum.
  • Die grosse Schwimmhalle bildet das atmosphärische Highlight. Sie wurde in einen multifunktionalen Veranstaltungsraum für ein Publikum bis zu 450 Personen verwandelt; besonders reizvoll wirken die Bühne im tiefen Taucherbereich, eine weiche Sitzrampe auf der Abschrägung und eine freie Zone im normalen Schwimmerbereich, sowie der galerieartige Umlauf.
  • Im Keller findet sich seit 2018 ein Raum für Konzerte und Clubbing.
  • Die Hauswartwohnung ganz oben steht nun einer WG zur Verfügung.
  • Auch Urban Gardening fehlt nicht: einerseits auf den grossen Terrassen, andererseits konnte auf einem benachbarten Grundstück von SBB und Zentralbahn ein Gartenareal zugemietet werden.

Insgesamt finden jährlich weit über 300 Veranstaltungen im ganzen Haus statt, wobei über ein Drittel Eigenveranstaltungen sind, der Rest Vermietungen und Co-Veranstaltungen. Die Mietzinse für all die Räume sind nach vier Sparten differenziert: Corporate, Private, Bildung/Politik und Kultur.

Die Vielfalt und die offene, einladende Stimmung des Neubads ist einzigartig. Wer an einer der monatlichen Führungen teilnimmt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Das Haus ist so offen, dass einmal ein veritables Zwergpony den Weg zur Bar gefunden hat.

Achtung, Ausstrahlung, Anerkennung

Im Neubad wird nicht nur kreativ gearbeitet. Es entstehen auch neue Projekte wie ein Kreativbüro, das als Beratungsstelle für die Kreativwirtschaft wirkt, ein «Kulturpool», bei dem man technisches Equipment aller Art (Video-, Foto-, Veranstaltungstechnik) ausleihen kann, oder «Food Save Luzern», ein Projekt gegen die Verschwendung von Esswaren – mit Abholstation.

Das Netzwerk Neubad mit seinen mehr als 860 Mitgliedern sucht aktiv den Kontakt zur Nachbarschaft und den Quartieren. Es tritt an externen Veranstaltungen auf, thematisiert seine Rolle und weitere Aspekte der Stadt- und Quartierentwicklung.

Kurzum: Das Neubad ist ein Phänomen, eine Marke mit Ausstrahlung: es hat es auf die Website von Schweiz Tourismus und in die Empfehlungen der renommierten Zeitung «New York Times» geschafft. Ausserdem ist diese Zwischennutzung ein begehrter Untersuchungsgegenstand wissenschaftlicher Disziplinen. Der Erfolg beruht auf den Prinzipien Offenheit, Zusammenhalt, Verbindung und Auseinandersetzung, auf dem enormen Aneignungs- und Mitgestaltungspotenzial und den inspirierenden Raumsituationen, welche die Beteiligten genutzt, sicht- und erlebbar gemacht haben. So entstand hier mittels Selbstorganisation eine starke Identität, die auch Aussenstehende anzieht.

«Das Projekt Neubad soll der Stadt und Region Luzern einen Impuls geben und das kreative und zukunftsorientierte Potenzial der Zentralschweiz sichtbar machen.»
Website des Vereins Netzwerk Neubad

Das Neubad überzeugt nicht nur mit Qualität, sondern auch mit Quantität. Von 2014 bis 2017 stieg der Umsatz von 1,1 auf 2,2 Millionen Franken. Die Stellenprozente stiegen von 1’400 auf 2'200, die Zahl der Besuchenden kletterte von 50'000 auf 116'000, die Zahl der Vereinsmitglieder von 500 auf 860. Trotzdem ist die finanzielle Situation nicht rosig. Die Stadt Luzern hatte in ihrer Ausschreibung ursprünglich gefordert, dass der Betrieb selbsttragend sein müsse, er solle der Stadt keine zusätzlichen Kosten verursachen. Dies gelang nicht ganz, aber fast: Der Eigenfinanzierungsgrad beträgt 96 Prozent. Möglich wurde dies dank Spenden, Stiftungsgeldern und vor allem sehr viel ehrenamtlicher Arbeit. Die Ehrenamtlichen, die so genannten Rettungsschwimmer/innen, leisten jährlich etwa 1'200 Stunden unbezahlte Arbeit.

Luzern, Neubad, Urban Gardening
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Urban Gardening findet nicht nur auf den Terrassen des Hallenbades statt, sondern auch auf zugemieteten Flächen nebenan, natürlich nicht ohne Kultur.
Foto: Verein Neugarten

Eigentlich wäre die Zwischennutzung Ende 2019 abgelaufen. Doch der geplante genossenschaftliche Wohnungsbau lässt auf sich warten. Der Stadtrat erachtete es deshalb als sinnvoll, den Vertrag mit dem Verein «Netzwerk Neubad» bis mindestens 2023 zu verlängern. In einem Bericht würdigte der Stadtrat das Neubad als wichtigen Quartiertreffpunkt, als zentrale Plattform für die Kreativwirtschaft, als Nährboden für unternehmerische, kulturelle und soziale Innovationen und als Ort mit grosser Aussenwirkung. Am 20. Dezember 2018 stimmte das Luzerner Stadtparlament der Vertragsverlängerung und einer Subventionserhöhung auf 150'000 Franken zu.

Luzern, Neubad, alle Nutzungen in einer Illustration
Alle Nutzungen und Schicksale des Neubad auf einen Blick im «Unübersichtsplan» des Luzerner Illustrators Peter Bräm.
Bild: Peter Bräm/Neubad

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