Opfikon ZH: «Wunderkammer» belebt Neubaustadt

Am südlichen Zipfel der einst «teuersten Wiese Europas» an den Stadträndern von Zürich und Opfikon ist auf einer Brache eine temporäre Alternativwelt entstanden. Möglich gemacht hat es die Soziologin Vesna Tomse. Die «Wunderkammer» bietet den Menschen im neuen Quartier vielfältige Möglichkeiten zur Teilhabe und Selbstentfaltung.

Eckdaten der Zwischennutzung «Wunderkammer» Glattpark

  • Adresse: Schürhölzlistrasse, 8152 Glattpark-Opfikon (Ecke Thurgauerstrasse/ Glattparkstrasse).
  • Eigentum: Stadt Zürich.
  • Verantwortung/Verwaltung: Verein Wunderkammer.
  • Lage: Stadtgrenze Zürich/Opfikon, 1.3km vom Bahnhof Oerlikon, Karte
  • Arealfläche: ca. 6‘400 m2.
  • Nutzfläche: dito, plus 8 Container, plus ca. 420 m2 im Pavillon.
  • Struktur: vorwiegend Aussenraum sowie temporäre Bauten.
  • Nutzung ehemals: Landwirtschaft, Baustelleninstallation.
  • Zwischennutzungen: Kulturevents innen und aussen, Zauberwald, Experimentierstätte, Bar.
  • Dauer: 2016 – 2019 (ev. länger).
  • Transformation: Grundstücksverkauf, Überbauung.
  • Besonderes: Urbane Visionen am Stadtrand.
  • Entstehung der Zwischennutzung: private Initiative auf Einladung der Eigentümerin.

Ausgangslage: Neubauquartier mit wenig Leben

Seit 1957 wird am Stadtrand von Zürich das Oberhauserriet auf Boden der Gemeinde Opfikon – einst in den Medien (vgl. NZZ, 2002) als «teuerste Wiese Europas» bezeichnet – beplant. Ab 2002 wurde auf der 67,4 Hektaren grossen Fläche dann gebaut. Das Potenzial dieses gemischten Quartiers beträgt 7'000 Einwohner und Einwohnerinnen sowie 7'000 Arbeitsplätze.

Luftbild des Glattparks in Opfikon
Das Quartier Glattpark in Opfikon 2017: Die «Wunderkammer» ist unten links bei den Bäumen zu erkennen.
Foto: © Comet Photoshopping GmbH, Dieter Enz

Im Jahr 2018 lebten im neuen Stadtteil, der den Namen Glattpark erhielt, bereits 5'000 Menschen. Das Quartier bestand aus zahlreichen Büros, Läden, Restaurants, Dienstleistungsbetrieben, einem grossen Park mit künstlichem See und mehreren öV-Haltestellen. Eine Schule fehlte jedoch noch. Ein erstes Primarschulhausprojekt war 2014 an der Urne gescheitert (vgl. NZZ, 2018).

Auch der zentrale, 700 Meter lange Boulevard wirkte 2018 noch verlassen, seine Enden führten ins Nirgendwo. «Die Dichte im Quartier reicht nicht aus, um ihn zu beleben. Und es kommt einfach niemand von aussen vorbei,» schrieb die Zeitschrift Hochparterre 2016. Es gab zwar Leben im Quartier, aber es war noch nicht lebendig.

Zwei noch unbebaute Areale gehören der Stadt Zürich. Als die Zürcher Liegenschaftsverwaltung die Soziologin und Stadtforscherin Vesna Tomse anfragte, ob sie ein Zwischennutzungskonzept für ein leeres Baufeld an der Südwestecke des Glattparks an Zürichs Grenze unterbreiten wolle, sagte sie zu. Tomse hatte zuvor in Zürich-West bei der Vorbereitung einer Zwischennutzung mitgewirkt. Das Konzept, das Tomse dann erarbeitete – ein Freiraum fürs Quartier Glattpark – gefiel der Stadt. Nun galt es, noch die Gemeinde Opfikon ins Boot zu holen. Und auch Opfikon wünschte sich eine Zwischennutzung. Nach einer Präsentation stimmte der Verwaltungsausschuss der Gemeinde schliesslich zu, und Ende Mai 2016 trat der Gebrauchsleihvertrag für die Zwischennutzung in Kraft.

Experimentelle Vielfalt

Die Initiantin Vesna Tomse gründete den Verein «Wunderkammer», warb im Quartier beidseits der Gemeindegrenzen um Helfer und Helferinnen, setzte Eigenmittel ein und konnte für benötigtes Material und Dienstleistungen viele Naturalsponsoren gewinnen. Der Verein arbeitete eng mit Hochschulen und Sozialinstitutionen wie der OPA-Stiftung zusammen (vgl. Opfiker Stadt-Anzeiger 2016).

Bis zum Jahr 2019 entstand auf der ehemaligen Brache ein alltagsorientiertes Gesamtkunstwerk fürs Quartier. Das Herzstück bildet das Vereinshaus, ein zweistöckiges Containergebäude mit Bar.

Weiter findet man einen naturbelassenen «Zauberwald» – ein Park mit Sumpf, wuchernden Planzen, Fröschen und Kunstinstallationen. Auch gibt es einen Pizzaofen, eine Aussenbar und -bühne, Komposttoiletten, viel Freifläche für Eigeninitiativen und – seit August 2018 – einen rund 200 Quadratmeter grossen Holzpavillon. Dieser war einst 2015 für das Stadtfest von Baden AG («Badenfahrt») designt worden; die Architekten 2x2 stellten ihn für die «Wunderkammer» zur Verfügung. Holzbauer und Freiwillige errichteten den Pavillon an seinem neuen Standort; dereinst soll er Ateliers, Werkstätten und einen Ausstellungsraum beherbergen.

Opfikon Zauberwald: Musiker spielen zwischen Blöcken
Der «Zauberwald» der Zwischennutzung «Wunderkammer» animiert zum Spazieren und ist ein stimmungsvoller Ort für Performances.
Foto: Vesna Tomse
Opfikon Glattpark: Holzpavillon wird errichtet
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In einer Gemeinschaftsaktion wurde der geschenkte Holzpavillon für die Zwischennutzung «Wunderkammer» errichtet. Auf dem Bild fehlen noch Dach, Fassade und Zwischenboden. Er bietet Platz für Ateliers und Ausstellungen.
Foto: Vesna Tomse

Publikumsmagneten der Zwischennutzung Wunderkammer sind auch die vielen kulturellen Events, welche (inter)nationale Persönlichkeiten der experimentellen Kultur an die Peripherie von Zürich holen. Dazu gibt es auch Diskussionsveranstaltungen zu gesellschaftlichen Themen, auch zur Stadtentwicklung.

Eine weitere, vertraglich zwar an die Wunderkammer gebundene, aber sonst eigenständige Zwischennutzung auf dem Gelände ist «NT Dirt»: Ein waghalsiger Rundkurs für BMX-Velos, ein nomadisierendes Projekt, das seinen Ursprung in der Zwischennutzung nt/Areal Basel hat. Getragen ist «NT Dirt» vom gleichnamigen Verein, der mit seiner Anwesenheit und Tätigkeit proaktiv eine lebendige Quartierentwicklung unterstützen will.

Opfikon Glattpark BMX-Parcours
Mit viel Einsatz des Vereins «NT Dirt» entstand neben der «Wunderkammer» im Glattpark ein prächtiger BMX-Parcours. Die Fahrer zeigen Einsatz. Das Publikum staunt. Foto: Maza

«Wunderkammer»: Ein Erfolg mit Grenzen

Vesna Tomse schaffte es dank ihres unermüdlichen Engagements und ihrer Überzeugungskraft, viele Menschen und Firmen aus den Quartieren der Städte Zürich und Opfikon in das Projekt «Wunderkammer» einzubinden. Noch hält sich die Bereitschaft zur verbindlichen Teilhabe in Grenzen. Dennoch sendet die Wunderkammer kontinuierlich Impulse zur Belebung des Quartiers aus – etwas, das das zuvor von Zürich und Opfikon getragene Pilotprojekt «Stadtteilwerkstatt ohne Grenzen» (2011- 2013) nur punktuell erreicht hatte. Die «Wunderkammer» zieht zudem Menschen aus anderen Stadtteilen an.

Die Zwischennutzung «Wunderkammer» stellt einen Freiraum zur Verfügung, der den Menschen umfassende Möglichkeiten zur Aneignung und Mitwirkung bietet. Dass diese Möglichkeiten auf dem Areal noch zu wenig genutzt werden, liegt möglicherweise an den unterschiedlichen Kommunikations- und Lebenswelten: Experimentierfreudigkeit auf der einen, Rückzugsbedürfnisse auf der anderen Seite. Ungeachtet dessen besteht bei den Behörden von Opfikon der Konsens, dass man froh um diese Zwischennutzung ist.

Im Mai 2019 lief der dreijährige Gebrauchsleihvertrag mit der Stadt Zürich aus. Seither wird er jeweils nur für sechs Monate verlängert, was die Planungssicherheit für die Zwischennutzenden einschränkt. Für die Stadt Zürich ist das Areal eine strategische Reserve zum Tausch gegen stadtinterne Grundstücke.

Ideal wäre, wenn ein zukünftiger Käufer des Areals Hand für eine Weiterführung der Zwischennutzung bis zum Baubeginn böte, damit die Quartierbevölkerung sich doch noch stärker engagieren und die erreichten Ortsqualitäten in die neuen Strukturen übertragen kann.

Tages-Anzeiger-Artikel über die «Die Stadtforscherin»

Opfikon: Studenten beim Ortstermin
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Ortstermin mit Professoren und Studierenden des Urban Think Tanks der ETH Zürich.
Foto: Marie Grob

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