St. Gallen, Zwischennutzung «Lattich» belebt Bahnhofsareal

Auf dem Areal des ehemaligen Guterbahnhofs in St. Gallen soll dereinst ein neuer Autobahnanschluss entstehen. Bis dann wird es fantasievoll zwischengenutzt: In Containern, der leer gewordenen SBB-Halle und auf der gesamten Brache gibt es viel Raum für Kultur, Gemeinsames, Märkte, Gärten, Gastronomie und andere spannende Projekte.

Eckdaten der Zwischennutzung «Lattich» in St.Gallen

  • Adresse: Güterbahnhofstrasse 8, 9000 St. Gallen.
  • Eigentum: SBB (Halle) und Kanton St. Gallen (Brache).
  • Verantwortung: Verein Lattich.
  • Lage: zentral, 850m vom Bahnhof, Karte
  • Arealfläche: ca. 4'400 m2.
  • Nutzfläche: dito, davon Innenraum ca. 800 m2.
  • Struktur: grosse Halle mit Laderampe, Aussenflächen, div. Container.
  • Nutzung ehemals: Güterbahnhof.
  • Zwischennutzungen: Kultur, Soziokultur, Urban Gardening, Gastronomie, Freizeit und Jugend.
  • Dauer: 2016 – ca. 2031 (jährliche Vertragserneuerung).
  • Transformation: neue Autobahnzufahrt und gemischte Überbauung.
  • Besonderes: Nutzung der Halle nur im Sommerhalbjahr, Brache ganzjährig.
  • Entstehung der Zwischennutzung: Initiative Geschäftsstelle der REGIO Appenzell AR - St.Gallen – Bodensee.
Areal der Zwischennutzung Lattich am Güterbahnhof in St. Gallen
Übersicht der Zwischennutzung Lattich am Güterbahnhof in St. Gallen, mit Grünflächen, Strassenraum, Containern, Rampe und Halle.
Foto: Maurus Hofer, Alltag Agentur

Komplizierte Areal-Geschichte, gescheitertes Bebauungsprojekt

Die SBB hatten den Güterbahnhof in St.Gallen bereits in den 1990er-Jahren allmählich deaktiviert. In den 2000-er Jahren wurden erste Umnutzungen auf der Brache erlaubt. So durften im Jahr 2000 die Organisation Kultur am Gleis (KUGL) und dann 2004 die Non-Profit-Organisation für Stellensuchende «Projekt-Werkstatt» mit einem Arbeitsintegrationsprogramm zwei der Lagergebäude umnutzen.

2006 machten die SBB  ein grosses Bebauungsprojekt publik: Sie planten Büros, Wohnen, Verkauf und Gastronomie sowie 500 Parkplätze auf dem Areal. Doch das Projekt rief im Quartier heftige Opposition hervor und wurde anschliessend an der Urne abgelehnt. Daraufhin erwarb der Kanton St. Gallen einen Teil der Flächen; die meisten Lagergebäude blieben jedoch im Eigentum der SBB. Die Zukunft des Areals blieb ungewiss.

«Das Areal beim Güterbahnhof ist eines der letzten grösseren Entwicklungsgebiete in der Stadt St. Gallen. Planungsarbeiten für ein Verkehrsprojekt führen dazu, dass die nächsten rund 15 Jahre nichts Dauerhaftes realisiert werden kann. Zudem steht in einer SBB-Lagerhalle ein grosser Raum leer. Das ist der ideale Zeitpunkt für eine Zwischennutzung – und für unser Projekt LATTICH.»

Quelle: Website der Initiantin REGIO Appenzell AR – St.Gallen – Bodensee

Geplanter Autobahnanschluss als Auslöser

Die Zukunft des Areals ist ungewiss. Neue Flächenansprüche entstanden zuletzt durch ein grosses Strassenprojekt des Bundes, die sogenannte Engpassbeseitigung St. Gallen: Einerseits soll der Rosenbergtunnel der Autobahn A1 durch eine dritte Röhre ergänzt werden, andererseits soll mit der «Teilspange Güterbahnhof» ein weiterer Autobahnanschluss in der Stadt St. Gallen entstehen, um so das hohe Verkehrsaufkommen zu bewältigen. 2016 kam eine Initiative gegen das Autobahnprojekt zwar nicht zustande, doch bei einem Realisierungshorizont von 2030 war klar, dass viele Jahre lang keine Überbauung zustande kommen wird. Also kamen nur neue temporäre Nutzungen in Frage.

Diese Ausgangslage inspirierte die Organisation REGIO Appenzell AR – St.Gallen – Bodensee, die sich schon zuvor mit Zwischennutzungen beschäftigt hatte, das Projekt «Lattich» zu lancieren: eine vielfältige und fantasievolle Zwischennutzung auf Freiflächen und in einer Lagerhalle. Ihr Ziel ist, einen sozialen und kulturellen Ort für Menschen verschiedener Herkunft und jeden Alters zu schaffen. Eine Projektgruppe (Konsortium) erstellte ein Konzept, das sich mit der Nachfrage nach Raum, Entwicklungsmöglichkeiten, Entfaltung, Selbstorganisation und Austausch auseinandersetzte. Dieses Konzept hat die St. Galler Kantonalbank überzeugt, so dass sie im Rahmen ihres 150-Jahre-Jubiläums einen Projektbeitrag von CHF 100'000 für die Belebung des Areals gewährte (vgl. Artikel in Kulturmagazin «Saiten», 2016).

Quartierfreundliche Nutzungen

Was 2016 als zweimonatiges Experiment eines losen Konsortiums in der SBB-Lagerhalle begann, wurde von Nachbarschaft und Besuchenden positiv aufgenommen. 2017 wurden der Verein «Lattich» gegründet und die Aktivitäten erweitert. Es entstanden mit viel zivilgesellschaftlichen Engagement zehn selbständige Projekte und ein Containerdorf, das zu einem Brennpunkt der Kreativwirtschaft werden sollte. Die Container stehen saisonal bedingt nur im Sommerhalbjahr zur Verfügung. In der kalten Jahreszeit sind sie andernorts stationiert.

St Gallen Lattich Zwischennutzung Kunst-Container
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Die Schule für Gestaltung hat einen einsehbaren Atelier-Container auf dem Lattich-Areal errichtet. Ihre Kreationen bereichern den Ort auch optisch. Foto: Matthias Bürgin
St Gallen Lattich Zwischennutzung mit Container
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Der ArtCor-Container bietet Platz für eine grosse Leinwand von 10 Metern Länge. Er ist eine temporäre Arbeit eines Künstlers.
Fotos: Jens Bomholt

Wichtigste «Lattich»-Projekte sind:

  • die Kuratierung der SBB-Halle mit Kultur aller Art und Fremdvermietungen (2017: 70 Veranstaltungen mit 7'000 Gästen),
  • der kleine Gastrobetrieb Lattich-Kiosk an Wochenenden und bei Veranstaltungen (weil hier nicht gekocht werden darf, arbeitet der Verein mit einem nahen Trendrestaurant zusammen),
  • ein vom HEKS getragenes Urban Gardening für 11 Migranten-Familien, die von Schweizer Familien unterstützt werden und sich wöchentlich treffen, wobei nur Deutsch gesprochen wird,
  • ein Jugendprojekt,
  • ein musikalischer «Container für Unerhörtes», in dem auch der Lattich-Chor entstand,
  • ein Container-Atelier der Schule für Gestaltung,
  • eine Station des «Spielwegs St. Gallen», und
  • ein Holzmodulbau zur Miete für kreative Selbständige und Unternehmen.

Die Aufgaben des Vereins «Lattich» beschränken sich auf die Administration, Koordination, Öffentlichkeitsarbeit, Behördenkontakte und dergleichen. Der Verein agiert ehrenamtlich und mit einem Jahresbudget von rund 65'000 Franken. Die Akzeptanz der Zwischennutzung wird im Quartier erreicht durch klare Spielregeln, eine proaktive Kommunikation und einen Musikschluss um 23 Uhr.

St Gallen Lattich: Zwischennutzung mit Urban Gardening
Migrantenfamilien bestellen die Hochbeete des von HEKS betreuten Gartenprojektes auf dem Lattich-Areal.
Foto: Gabriela Falkner, Verein Lattich

Zwischennutzung zeigt Wirkung

Das Projekt «Lattich» startete mit dem Ziel, Freiräume und ihr Potenzial bewusst zu machen. Der Freiraum sollte Menschen zusammenführen und Nährboden und Inspiration für heimatlose Ideen bieten. Die lokalen und internationalen Medien reagierten positiv auf die Zwischennutzung: Beispielsweise erkannten das deutsche Fernsehen ZDF, das Bordmagazin der Swiss, die Zeitschrift «Hochparterre» und die Unternehmung Wüest Partner in «Lattich» ein Beispiel gelebter Urbanität in St. Gallen.

Das Projekt hat also Ausstrahlung weit über das Quartier und die Stadt St. Gallen hinaus. Der Erfolg basiert auf dem Engagement der Mitwirkenden und einem grossen Netzwerk. Die Stadt begrüsst das Projekt: Die Co-Leiterin der Kulturförderung bezeichnete Lattich als «perfekte Mischform und grossartig fürs Stadtgefüge», während der Stadtplaner die Belebung, das Innovationspotenzial, die Identitätsbildung und die Bedeutung für das Image der Stadt hervorhob.

Allerdings trüben zwei gewichtige Aspekte die Freude: Einerseits gelten Mietverträge und Bewilligungen immer nur für eine Saison, was Unsicherheit und hohen Verhandlungs- und Logistikaufwand auslöst (alle Container müssen über den Winter entfernt werden). Andererseits wollen die SBB die an den Verein vermietete Halle zukünftig wieder regulär, d.h. kommerziell nutzen. Damit würde das Herzstück der Zwischennutzung verloren gehen.

Kinder am ehemaligen Güterbahnhof St. Gallen
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Kinder sind auf dem Lattich-Areal willkommen und können sich vielfältig betätigen.
Foto: Maurus Hofer, Alltag Agentur

Ein aktuelles Projekt dürfte allerdings für mehr Belebung tagsüber sorgen und die Ortsqualität stärken: Unabhängig, aber mit dem Verein koordiniert, hat eine private Trägerschaft 2019 auf dem Brachland einen dreistöckigen Holzmodulbau errichtet. Er umfasst 45 Einheiten zu je 30 Quadratmeter. Die Einheiten werden zu marktüblichen Preisen vermietet, und zwar als Büros oder Werkstätten für Selbständige und kleine Unternehmen aus der Kreativwirtschaft (Handwerk, Design, Kommunikation oder Architektur). Ermöglicht hat das Vorhaben der Kanton St. Gallen, indem er ein auf 10 Jahre beschränktes Baurecht gewährte. Im August 2019 waren alle Module vermietet.

Skizze des Holzmodulbaus für das Lattich-Areal in St. Gallen
Lattich, St. Gallen: Der Holzmodulbau mit einem Baurecht von 10 Jahren belebt dank Mietern aus der Kreativwirtschaft das zwischengenutzte Areal ab 2019 zusätzlich.
Skizze: Baubüro in situ
Zwischennutzung
Der Begriff Zwischennutzung kam im Diskurs über Freiräume in der 68er-Bewegung auf. Später entwickelten sich Kooperationen zwischen Nutzenden und Eigentümern. Heute ist der Begriff auch in der Immobilienbranche salonfähig.
Zwischennutzung
Wie lassen sich mit Zwischennutzungen Brachen und Leerstände verhindern? Wie erreicht man damit positive Wirkungen für die Zivilgesellschaft ? Hier finden Sie eine Auswahl von Schweizer Beispielen der Zwischennutzung sowie Literaturhinweis ...
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