Aus einer Kreuzung wird ein Dorfplatz

Das Ortszentrum von Riehen erstrahlt seit 2015 in neuem Glanz. Der Weg dorthin war lang und steinig. Schon seit einiger Zeit beschwerte sich die Bevölkerung über die verkehrsorientierte Gestaltung des Zentrums. Ein erster Anlauf zu dessen Aufwertung scheiterte 2002 an der Urne. Die versenkte Vorlage enthielt zu viele Teilprojekte, die zusammen zu viele Angriffsflächen boten. Doch der Leidensdruck stieg.
Von 2009 bis 2011 forderten gleich fünf politische Vorstösse eine Verbesserung der unbefriedigenden Situation. Die Gemeinde, die aus ihren Fehlern gelernt hatte, liess ein schlankeres Projekt erarbeiten. Dieses stütze sich auf den Entwicklungsrichtplan Dorfzentrum, an dem auch die Bevölkerung mitgewirkt hatte. Trotz Referendum genehmigte die Bevölkerung den Investitionskredit für das Umgestaltungsprojekt. Ausschlaggebend war, dass keine der Linden vor dem Gemeindehaus weichen musste und kein Parkplatz aufgehoben wurde.
Heute ist der Dorfplatz ein klarer Identitätsort der Gemeinde.
Riehen BS: Aufwertung Dorfzentrum_Titelbild
Die Linden stehen, wo sie immer standen: Auf dem Dorfplatz, der vor der Neugestaltung noch Gemeindehausplatz hiess. Foto: Dokumentationsstelle Gemeindeverwaltung Riehen
Riehen BS: Bewertungsspinne IRAP
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Bewertung der Aufwertung des Dorfzentrums in Riehen nach der Methode IRAP

Ausgangslage

Riehen ist eine von drei Gemeinden des Kantons Basel-Stadt. Obschon die Gemeinde über 20’000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt, sieht sie sich als grosses, grünes Dorf mit hoher Lebensqualität. Dazu trägt auch der gut erhaltene historische Ortskern bei, der heute noch als Dorfzentrum funktioniert. Vor über 40 Jahren wurde dort die Einkaufsstrasse, das Webergässchen, zur Fussgängerzone.

Seither haben sich die Mobilitätsbedürfnisse und das Einkaufsverhalten gewandelt. Dies führte dazu, dass die verkehrsorientierte Gestaltung des Dorfzentrums mit Tempo 50 als unzeitgemäss empfunden wurde. So nahm der Gemeinderat 1996 einen ersten Anlauf für die Umgestaltung des Zentrums, scheiterte aber an einem Referendum zum Projektierungskredit.

Die Absicht, den Dorfkern aufzuwerten, fand jedoch Eingang ins kommunale Leitbild aus dem Jahr 2000. Auch der kommunale Richtplan von 2003 verlangte die Aufwertung des Dorfzentrums. Zentrumsbildende Nutzungen sollten gefördert werden, solange die historische Bausubstanz bewahrt und eine hohe bauliche Qualität erzielt wurde. Aus diesen Gründen beauftragte der Einwohnerrat den Gemeinderat, für den Dorfkern einen Entwicklungsrichtplan zu erarbeiten. Unter Mitwirkung der Bevölkerung wurde dieser bis im Jahr 2011 erarbeitet und vom Einwohnerrat genehmigt.

Noch während der Arbeiten am Entwicklungsrichtplan gingen mehrere politische Anträge und Motionen ein, die den Gemeinderat aufforderten, die  Aufwertung des Ortszentrums zu prüfen und das Verkehrsregime anzupassen. Damit begann der nächste Versuch, das Zentrum von Riehen umzugestalten –  diesmal war ihm Erfolg beschieden.

Kennziffern

  • Einwohnerzahl: 20'743 (2017)
  • Investitionskosten: 3,8 Millionen CHF
  • ÖV-Güteklasse:A - sehr gute Erschliessung
  • Gemeindetypologie BFS: Städtische Gemeinde einer grossen Agglomeration

Bewertung

Lage

Seiner Natur entsprechend liegt das Dorfzentrum mitten im gut erhaltenen historischen Kern der Gemeinde. Es bildet den Schnittpunkt des öffentlichen Lebens und vereinigt zahlreiche Nutzungen: Gemeindeverwaltung, Grossverteiler, Einzelhändler und Dienstleister stossen unmittelbar an den neu gestalteten Dorfkern an.

Die Schmiedgasse, auf der vormals Tempo 50 galt, verbindet als Begegnungszone die existierende Fussgängerzone des Webergässchens mit dem neuen Dorfplatz. So darf der motorisierte Verkehr den Ortskern nach wie vor befahren. Auch ein S-Bahn-Halt und mehrere Bus- und Tramlinien erschliessen das Dorfzentrum – sogar über die Landesgrenze hinaus. Die Aufwertung der früheren Strassenkreuzung in der Dorfmitte zum heutigen Dorfplatz ist angesichts der Gemeindegrösse ein grosser Gewinn.

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Lage des Dorfzentrums Riehen. Plan: Bundesamt für Landestopografie swisstopo
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Der ganze Raum im Planungsperimeter wurde neu gestaltet (roter Rahmen), der dunkel hinterlegte Bereich ist neu gepflästert.
Das Gitterraster kennzeichnet den Dorfplatz.
Plan: Stauffenegger + Stutz

Gemeinde

Nach dem gescheiterten Versuch zur Neugestaltung des Dorfkerns im Jahr 2002 liess der Gemeinderat kaum Zeit verstreichen, bevor er sich erneut mit dem Dorfkern befasste. Hilfreich war dabei, dass im Jahr 2001 das neue kantonale Bau- und Planungsgesetz in Kraft trat. Mit ihm ging die Zuständigkeit der Ortsplanung vom Kanton zurück an die Gemeinde.

Als Grundlage für die anstehende Ortsplanung erarbeitete die Gemeinde zeitgleich ein kommunales Leitbild und den kommunalen Richtplan, die beide 2003 beschlossen wurden. Beide Planungsgrundlagen verlangten eine Weiterentwicklung und Aufwertung des Dorfzentrums bis 2015. Die Gemeinde nahm sich somit selbst in die Pflicht und lancierte anschliessend die Arbeiten für den Entwicklungsrichtplan Dorfzentrum.

Betroffene Grundeigentümer, kantonale Fachstellen und Interessenverbände konnten sich einbringen, als der Gemeinderat ihnen die ersten Entwürfe des Entwicklungsrichtplans Dorfzentrum vorlegte. Die Bevölkerung erhielt im Jahr 2009 die Gelegenheit, sich dazu zu äussern. Auf den Grundlagen des beschlossenen Entwicklungsrichtplans fusste der Studienauftrag zur Umgestaltung des Dorfkerns.

Eigentum

Sämtliche Strassen im Projektperimeter befinden sich im Besitz der Gemeinde, was die Planung ein Stück weit vereinfachte. Allerding betraf die Aufwertung auch zahlreiche Geschäfte, Liegenschaftseigentümer, Anwohner und Nachbarn ganz direkt. Sie hatten keine Aufwendungen zu tragen, verzeichneten aber während der Bauarbeiten weniger Einnahmen. Im Rahmen der Projektüberarbeitung wurden sie direkt angeschrieben und informiert. Indirekt betroffen war aber nicht zuletzt die Gesamtbevölkerung von Riehen. Gegen das Umgestaltungsprojekt waren damit weit
mehr Personen als die Grundeigentümer einspracheberechtigt.

Riehen BS: Aufwertung Dorfzentrum_plantschende Kinder
Am Dorfplatz können Kinder im seichten Brunnen plantschen. Foto: EspaceSuisse

Prozess

Erste Überlegungen zur Umgestaltung des Dorfzentrums gehen auf das Jahr 1996 zurück. Damals prüfte der Gemeinderat Vorschläge für die Gestaltung und Verkehrsführung im Zentrum. Er konnte aufzeigen, dass zwischen dem Bahnhof Riehen, dem Dorfzentrum und dem Kunstmuseum Fondation Beyeler eine neue Planung notwendig war.

2000 initiierte er dann einen Ideenwettbewerb. Das Siegerprojekt Julia vereinigte sieben Teilprojekte auf dem Weg zum neuen Dorfzentrum. Der Einwohnerrat genehmigte den Projektierungskredit, doch das Volk lehnte die Finanzierung an der Urne im Jahr 2002 ab. Das Projekt Julia hätte zu viele Aufgaben gleichzeitig lösen wollen – unter anderem sah es vor, die Anzahl der Parkplätze zu reduzieren. Der Gemeinderat zog daraus seine Lehren. Das neue Projekt beschränkte sich im Wesentlichen darauf, das Zentrum aufzuwerten und das Verkehrsregime anzupassen.

Akzeptanz

Die Bevölkerung konnte mehrmals am Umgestaltungsprojekt mitwirken: Während der Auflage des Entwicklungsrichtplans und während des Workshops, an dem das Siegerprojekt vorgestellt und diskutiert wurde. Die zahlreichen Reaktionen aus der Bevölkerung veranlassten die Projektverantwortlichen, eine Begleitgruppe ins Leben zu rufen. Ihre Aufgabe war es, das Projekt zu überarbeiten und dabei möglichst vielen Eingaben, Fragen und Hinweisen Rechnung zu tragen.

Nicht zuletzt deshalb genehmigte die Bevölkerung diesmal den Projektierungskredit, obschon erneut das Referendum ergriffen worden war. Die Projektgegner hatten befürchtet, dass mit der Umgestaltung Parkplätze aufgehoben würden und der motorisierte Verkehrs nicht mehr im Ortskern zirkulieren dürfte. Heute sind die Reaktionen auf den Dorfplatz grösstenteils positiv, obwohl viele Läden während der Bauphase finanzielle Einbussen aufgrund rückläufiger Einnahmen hinnehmen mussten.

Dichte

Die Umgestaltung steigerte die effektive Nutzungsdichte nicht, sondern trug vielmehr dazu bei, die bestehenden Nutzungen zu erhalten, die Aufenthaltsqualität zu verbessern und mehr Menschen ins Herz von Riehen zu locken.

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Einem gigantischen Mosaik gleich entsteht das neue Zentrum – Stein um Stein. (Reihenfolge von oben links im Uhrzeigersinn)
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Fotos: Dokumentationsstelle Gemeindeverwaltung Riehen

Qualität

Die Trottoirs wurden verbreitert und der Dorfkern behindertengerecht umgestaltet. Trotzdem können Autos zirkulieren; sie sind aber in den Begegnungszonen nicht mehr vortrittsberechtigt. Für die Umgestaltung musste kein Parkplatz aufgehoben werden – und neue Veloparkplätze kamen hinzu.

Sämtliche Bäume blieben stehen, auch die drei grossen Linden auf dem Gemeindehausplatz, die Identität schaffen. Sitzgelegenheiten am Wasser unter den Linden laden zum Verweilen ein. Gestalterische Elemente wie Kunst im öffentlichen Raum oder ein Beleuchtungskonzept sorgen dafür, dass die etwas ausserhalb des Zentrums liegende Fondation Beyeler besser an den Dorfkern angebunden wird.

Wirtschaftlichkeit

Die Aufwertung kostete die Gemeinde rund 3,8 Millionen Franken. Das ist im Vergleich zu anderen Projekten weder besonders günstig noch ausgesprochen teuer. Die letzten gestalterischen  Arbeiten im Ortskern wurden in den 1970er-Jahren ausgeführt. Seither investierte die Gemeinde wenig ins Ortszentrum.

Mit dem neuen Projekt konnten gleichzeitig Werkleitungen erneuert und Strassenbeläge saniert werden. Die Gemeinde profitierte demnach in verschiedener Hinsicht von der Umgestaltung.

Zusammenfassung

Im zweiten Anlauf überzeugte die Gemeinde ihre Bevölkerung von den Vorteilen der Umgestaltung des Dorfzentrums. Die neue Gestaltung wertete den historischen Ortskern rund um die  Schmiedgasse, das Webergässchen und den Dorfplatz auf. Dabei konnten die Interessen zahlreicher Akteure beachtet werden.

Nach wie vor bleibt das Dorfzentrum für alle Verkehrsträger zugänglich. Die Gestaltung des Strassenraums als Platz unterstreicht aber das neue Verkehrsregime, das den Fussgängerinnen und Fussgängern sowie dem Velo mehr Raum zusteht als dem motorisierten Verkehr.

Besondere Stärken

Aus Sicht von EspaceSuisse sind folgende Punkte des Beispiels besonders erwähnenswert:

  • Der gescheiterte Anlauf zur Umgestaltung des Zentrums löste eine intensive Auseinandersetzung über die wünschenswerte Entwicklung des Dorfzentrums aus und führte zu einem Lernprozess seitens der Gemeinde.

  • Der historische Dorfkern wurde unter Wahrung zahlreicher Interessen aufgewertet und ein zeitgemässes Verkehrsregime konnte installiert werden.

  • Identitätsstiftende Elemente wie die rote Porphyr-Pflästerung und die bestehenden Bäume konnten erhalten werden.

Quellen

  • 2010. Planungsbericht Entwicklungsrichtplan Dorfzentrum. Gemeinde Riehen.
  • 2012. Schlussbericht Studienauftrag «Fussgängerfreundliches und attraktives Dorfzentrum Riehen». Planteam S, Gelterkinden.
  • 2014. Abstimmungsunterlagen «Referendum über den vom Einwohnerrat beschlossenen Investitionskredit zur Neugestaltung des Riehener Dorfzentrums». Gemeinde Riehen.

Stand der Bewertung durch EspaceSuisse: Oktober 2018

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