Zwischennutzung «nt/Areal» in Basel (2000 – 2011/12)

Das nt/Areal ist die erste Zwischennutzung der Schweiz, in der die Stadtentwicklung von Anfang an mitgedacht wurde. Die Initiative dazu kam von den Nutzern und Nutzerinnen, die sich in einem Verein organisierten. Die Geschichte der erfolgreichen Zwischennutzung auf dem nt-Areal wird nachstehend in vier Phasen erzählt.

Man stelle sich irgendwo in einer europäischen Stadt ein Entwicklungsgebiet für mehrere hundert Wohnungen und viele Arbeitsplätze vor. Wie lange dauert es, bis sich städtisches Leben an einem solchen Ort einstellt? Wer zieht in ein Quartier, das noch gar keines ist?

nt/Areal: Urbane Impulse mit Zwischennutzung setzen

In Basel, wo das brachfallende Güterbahnhofareal der Deutschen Bahn ein fast letztes Stadterweiterungsgebiet darstellte, stellte sich der kleine Verein k.e.i.m. diese Fragen.

Unter dem Label «nt/Areal» – wobei «nt» für «non territorial» und damit für einen Verzicht auf einen permanenten Raumanspruch steht – richtete der Verein ab 2000 eine Zwischennutzung in der ehemaligen Betriebskantine und dem benachbarten Wagenmeisterei im Zentrum des 19 ha grossen Areals ein. Ausgangspunkt für die Initianten war die eigene Studie «Akupunktur für Basel», welche das Transformationspotenzial des Areals analysierte.

Die Autoren stellten die These auf, dass Zwischennutzung, wenn richtig gesteuert, dem bisherigen Nicht-Ort frühzeitig eine eigene Identität und urbane Impulse vermitteln kann, welche im Stadtgefüge positive Spuren hinterlassen. Ein neues Quartier könnte von Anfang an von einer städtischen Atmosphäre profitieren.

Basel, nt-Areal vor der Zwischennutzung: totes Eisenbahnareal
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Das DB-Güterbahnhofareal in Basel bevor die Zwischennutzung nt/Areal die beiden Gebäude rechts mit Kultur, Gastronomie und Stadtlabor bespielte. Foto: Hans-Jörg Walter.
Basel, nt-Areal altes Gelände der Deutschen Bahn
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Die ehemalige Kantine und das Wagenmeistergebäude der Deutschen Bahn in Basel wurde zum Herzstück der Zwischennutzung nt-Areal. Foto: Matthias Bürgin

Telegramm «nt/Areal» (wichtigste Eckdaten)

  • Adresse: Erlenstrasse 5-23, 4058 Basel.
  • Eigentümerin: Eisenbahnimmobilien GmbH, resp. Vivico Real Estate GmbH, D-Frankfurt/M., Neu: diverse.
  • Verwaltung: extern bis 2006: Allianz Immobilien GmbH, D-Stuttgart / seit 2007: EPM Swiss Property Management AG, Basel / intern: Vereine k.e.i.m. und V.i.P.
  • Lage: Stadtrand (1.5 km vom Zentrum), grenzt an traditionelle Arbeiterquartiere, Karte
  • Arealfläche: Gesamtfläche 19ha.
  • Nutzfläche: Zwischennutzung nt/Areal:  8'000m2 Aussenflächen, 1‘500m2 Innenräume
  • Struktur: Riesige Freiflächen (asphaltiert und Geleisefelder), Umschlagshalle (100 x 200 m), kleinere Kantinen- und Betriebsgebäude.
  • Nutzung ehemals: Güterbahnhof, Kantine, Werkräume fürs Personal.
  • Zwischennutzungen auf dem nt/Areal: Gastrokultur, Nachtleben, Trendsportanlagen, Marktplatz, Ateliers und Büros, soziokulturelle Einrichtungen.
  • andere ZN-Projekte: Messe CH: Ausstellung (BaselWorld), E-Halle: Gastronomie, Event, Ausstellung, Galerie, Verwaltungsgebäude: Dienstleistungen, Ateliers, Kreativwirtschaft
  • Dauer: 2000 – 2011, Quartierlabor bis 2012.
  • Transformation: in ein neues gemischtes Stadtquartier namens Erlenmatt (ca. 800 Wohnungen, ca. 2000 Arbeitsplätze, ca. 30'000m2 Einzelhandel). Erhalt der zwischengenutzten Kantine als Parkrestaurant.
  • Besonderes: Standortaufwertung durch Zwischennutzung, Vorbezug von Urbanität, besondere Gewichtung der Aussenflächen.
  • Entstehung ZN: stadtentwicklungsorientierte Initiative von ZN.

Phase I: Gastro- und Kulturoase

Die ehemalige Kantine fürs Bahnpersonal wandelte sich zum überregional beliebten Restaurant Erlkönig. In der zugehörigen Lounge entstand ein Clubbetrieb mit Bar, DJ-Events, Konzerten und anderen kulturellen Veranstaltungen. Die Wagenmeisterei betrieb man zuerst als freies Labor für Kultur und Stadtentwicklung, später dann als eigenständige Kulturbar.

Fast wichtiger für die öffentliche Wahrnehmung war der Aussenraum: ein vorher unzugängliches riesiges Areal stand plötzlich der ganzen Bevölkerung offen. Knapp 1,5 km vom Stadtzentrum entfernt erzeugten die stillgelegten Eisenbahngeleise, die schützenswerte Ruderalvegetation und die Weite des Stadthimmels eine befreiende und anregende Stimmung, sodass der Ort zu einem Umschlagplatz von Ideen wurde. Eine Vielzahl von Performances und Installationen zeugen von der grossen Nachfrage nach derartigen Freiräumen. Kunstschaffende generierten aus den Qualitäten des Ortes neue Werke und Werte.

Phase II: Expansionsgelüste

Nach kurzer Zeit war das nt/Areal so attraktiv, dass die Grundeigentümerin Vivico im ehemaligen Verwaltungsgebäude mit ca. 5'000 m2 Bruttogeschossfläche (BGF) einen Leerstand von 60% wettmachen konnte, indem Sie zu günstigen Konditionen Räume an Kulturschaffende und Startup-Betriebe vermietete (Jahresmietzinse zwischen 25 – 40 CHF/m2).

Die Autoren von «Akupunktur» erhielten von der Vivico zudem den Auftrag, Empfehlungen für eine Intensivierung der Zwischennutzung in diesem Gebäude und in den 20'000 m2 grossen Umschlagshallen zu entwickeln. Im Verwaltungsgebäude sollte ein belebtes Quartier- und Kreativzentrum entstehen, und in der äusseren Schicht der Hallen waren auf 400 Laufmeter kleinteilige Nutzungen und ein gedeckter Marktplatz vorgeschlagen. Jedoch setzte die Akquisition der Swiss International School und der Messe CH als neue ertragssteigernde Mieter einer solchen Expansion ein rasches Ende.

Phase III: Aussenräume im Visier

Das Objekt der Begierde sind bei Zwischennutzungen i.d.R. Innenräume. Da im angrenzenden Matthäus-Quartier ein drastischer Freiraummangel herrscht, hat sich 2003 der Verein V.i.P. (Verein interessierter Personen) dem Ziel verschrieben, die grossen Freiflächen des Areals für die Bevölkerung zu öffnen und aufzuwerten, um das Entwicklungsgebiet schon frühzeitig an die Nachbarschaft anzubinden.

Entstanden sind Trendsportanlagen (Kletterwand, Dirt-Jump-Strecke, Skatepark, Basketball, Bike-Polo, Gratis-Fahrzeugverleih für Kinder), ein Kinderprojekt, der Talentschuppen Funambolo sowie der wöchentliche Sonntagsmarkt, ein äusserst beliebter Flohmarkt mit rund 120 Ständen. In den später zugemieteten Räumen einer ehemaligen Logistikfirma kamen ein Quartierlabor, zwei weitere Bars und ein türkisches Kulturrestaurant hinzu.

Basel, nt-Areal Sonnendeck-Bar unter freiem Himmel
Das Sonnendeck, die beliebte Aussenbar mit viel Umschwung und Weitsicht für Apéros und abendliche Genüsse auf dem nt/-Areal. Foto: Matthias Bürgin

Phase IV: Ablösung

Im Herbst 2006 begann im Rahmen der formellen Planung der Rückbau der Geleiseanlagen. Das erste Baufeld «Erlentor» wurde im Juli 2009 bezogen.

Allmählich wird die Zwischennutzung von der finalen Nutzung abgelöst und erlebt eine «Domestizierung». Auf Vorschlag des Siegerteams im städtebaulichen Wettbewerb bleibt die ehemalige Kantine erhalten. Sie ging 2011 ins Eigentum des Kantons Basel-Stadt über und bedeutete das Ende der prägenden Zwischennutzung. Mit der Entwicklung weiterer Baufelder mussten 2012 auch die quartierorientierten Nutzungen weichen.

Reduzierte Hinterlassenschaft

In der vom Kanton sanft renovierten Kantine entstand ein Parkrestaurant, sowie ein behördlich unterstützter Treffpunkt, der vielfältige Aktivitäten für das neue und die benachbarten Quartiere weiterführt. Der Sonntagsmarkt ist zeitweise aufs Hafenareal disloziert; eine Umwandlung in einen monatlichen Quartierflohmarkt ist in Abklärung.

Fazit: Ein Ansatz mit Zukunft

Das Projekt nt/Areal hat mit seinen publikumsorientierten Angeboten und den hohen Aufenthaltsqualitäten aus dem zuvor unbekannten Areal eine guten Adresse gemacht und eine bessere Wertschöpfung ermöglicht. Dies bestätigen der Kanton und die ehemalige Grundeigentümerin. Auch von den heutigen Endinvestoren sind lobende Worte zu hören. Und in der (inter)nationalen akademischen Welt fand das nt/Areal grosse Beachtung: Viele Diplomarbeiten, Dissertationen und Publikationen verweisen auf das nt/Areal. Delegationen aus halb Europa besuchten das zwischengenutzte Areal. Selbst die New York Times empfahl 2006 das nt/areal als eines von drei Lokalen für Basels Nachtleben.

Schliesslich gab das Basler Präsidialdepartement bei den Zwischennutzungsakteuren Expertisen in Auftrag, welche dazu führten, dass das Thema Zwischennutzung auf der behördlichen Agenda mehr Gewicht erhalten hat und in Basel neue Zwischennutzungen mit Wohlwollen entstehen konnten. Fazit: Die These der Initianten, mit einer Zwischennutzung frühzeitig fruchtbare urbane Impulse zu setzen, hat sich bestätigt. Sie lässt sich auch auf andere Areale übertragen.

Stadtentwicklung durch Zwischennutzung

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